175 Jahre Anästhesie

 

16.10.2021

Am 16. Oktober 1846 führte der Zahnarzt William Thomas Green Morton in Boston die die erste Narkose mit Äther-Dämpfen für eine Operation durch. Diese OP gilt als Geburtsstunde der Anästhesie. Und auch wenn das Ziel der Anästhesie, nämlich Schmerzen von Patienten zu vermeiden, noch immer ähnlich ist, hat sich das Fachgebiet nicht nur verändert, sondern auch deutlich erweitert.

„Die Anästhesie steht nicht immer im Vordergrund wie Chirurgen oder Internisten. Aber im Hintergrund, in der Zuarbeit bei Operationen und über den klassischen OP-Bereich hinaus werden unersetzliche Dienste geleistet“, erklärt Dr. Jürgen Altmeppen, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und operativen Intensivmedizin am Klinikum Weiden und stellvertretender Vorsitzender des BDA (Berufsverbands Deutscher Anästhesisten) in Bayern.

Pro Jahr werden an den Standorten des Klinikverbunds bis zu 15.000 Narkosen durchgeführt. Die Gewissheit, Patienten verlässlich zu anästhesieren, Schmerzempfindungen auszuschalten und die Bewegungsunfähigkeit herbeizuführen, ist dabei Basis für chirurgische und vor allem mikrochirurgische Eingriffe. Das ist eine der Hauptaufgaben der Anästhesie, aber auch bei weitem nicht alles. Denn neben der Durchführung von Teil- und Vollnarkosen gehört auch die Vorbereitung und Aufklärung der Patienten im Prämedikationsgespräch, die Überwachung im Aufwachraum und auf der Intensivstation sowie die gezielte Schmerzbekämpfung nach Operationen zu den Hauptaufgaben der Anästhesie.

Doch nicht nur der Aufgabenbereich von Anästhesisten, sondern auch die Durchführung von Narkosen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert – gerade hinsichtlich der Sicherheit für Patienten. Die Anzahl schwerer Zwischen- oder gar Todesfälle durch eine Narkose selbst sind sehr gering. „Für jeden Patienten gibt es eine maßgeschneiderte und vor allem sichere Narkose. Neben der Vollnarkose ist auch die Teilnarkose längst Standard. Damit können schwerkranke und betagte Patienten operiert werden, die vor zwanzig Jahren noch nicht hätten operiert werden können. Die Anästhesie spielt während, vor und nach dem Eingriff eine ähnlich wichtige Rolle wie die Operateure selbst“, so Dr. Jürgen Altmeppen.

Auch während der Corona-Pandemie haben Anästhesisten eine zentrale Rolle bei der Behandlung von CoVid-19-Patienten übernommen. „Ein Großteil des Personals, sowohl Ärzte als auch Pflegekräfte, die sich während der Corona-Pandemie in voller Schutzausrüstung um unsere Intensivpatientengekümmert haben, kamen aus der Anästhesie.“, erklärt Dr. Jürgen Altmeppen, der auch auf das große Engagement ausgebildeter Anästhesisten aus dem Krankenhaus und den Praxen als Notärzte in der Region verweist.

175 Jahre nach der ersten Narkose zeigt sich also auch heute, dass eine funktionierende Anästhesie unverzichtbar für alle Eingriffe und Operationen in Krankenhäusern und Praxen ist – gerade weil der Einsatzbereich von Ärzten und ausgebildeten Fachpflegekräften trotz aller Spezialisierung weiterhin extrem groß ist.

Die wichtigsten Narkoseverfahren im Überblick:

  • Vollnarkose
    Mit einer Vollnarkose werden das Bewusstsein und das Schmerzempfinden im ganzen Körper kontrolliert ausgeschaltet. Zur Einleitung und manchmal auch zur Aufrechterhaltung der Narkose werden in der Regel ein Schmerzmittel (Opioid), ein Einschlafmittel (Hypnotikum) und eventuell auch ein Medikament zur Erschlaffung der Muskeln (Muskelrelaxans) verwendet. Im weiteren Verlauf der Narkose setzt der Anästhesist häufig auch ein Narkosegas ein. Der Patient schläft innerhalb weniger Sekunden ein, schläft dann sehr tief und wacht erst wieder auf, wenn die Operation vorüber ist.
  • Regionalanästhesie
    Mit Hilfe der Regionalanästhesie wird Schmerzfreiheit in einem großen Abschnitt des Körpers herbeigeführt, zum Beispiel in den Beinen oder an einem Arm. Zur Verfügung stehen die Spinalanästhesie und die Periduralanästhesie sowie verschiedene andere Betäubungsverfahren für einzelne Körperpartien. Bei den Regionalanästhesie-Verfahren bleiben die Patienten während der Operation wach oder erhalten lediglich ein Beruhigungsmittel. Sie können auch für Operationen von stark vorerkrankten Patienten gewählt werden.
  • Spinalanästhesie
    Bei der Spinalanästhesie wird am Rücken nach Betäubung der Einstichstelle ein zweites Betäubungsmittel in den Rückenmarkskanal gespritzt. Dadurch können Schmerzen in den Bereichen ausgeschaltet werden, die von den abgehenden Nerven versorgt werden.
  • Periduralanästhesie
    Die Periduralanästhesie ist eine ähnliche Technik. Dabei wird das Betäubungsmittel aber in eine Zone neben dem Rückenmarkskanal gegeben. Dadurch werden die Nerven betäubt, die den entsprechenden Bereich durchlaufen und in den entsprechenden Körperpartien enden.
  • andere Regionalanästhesieverfahren
    Bei anderen Regionalanästhesieverfahren werden Nerven oder Nervenbündel an Hals, Schulter, Arm oder Hand beziehungsweise Oberschenkel, Unterschenkel oder Fuß betäubt. Auch dadurch sind entspannte und schmerzfreie Operationen sicher möglich.